Archiv für August 2015

zweieinhalb Stunden und fünf Euro

Draußen dröhnt das Blasorchester, Down Town schiebt es auf den Balkon, auf dem ich meine zweite Tageszigarette genieße. Es ist gegen drei Uhr. When you are lonely, summe ich, ohne es zu wollen mit. Das Glockenspiel, das seinen Klang sehr voll, ein Bisschen zu eindringlich auf meinen Balkon hinüberspielt, gefällt mir besonders.
Noch nicht, denke ich und vertrödele den Tag in meiner neuen Bude, esse früh zu Abend, halte es gegen sieben nicht mehr aus auf Kuschelsocken und mit Frischluftmangelkopfschmerzen durch die Zimmer zu schleichen. Hoppigaloppi, Hose an, Jacke dabei, Buch, Schlüssel, Rauchwaren und los. Ohne Ziel mit dem Informationsheft zum Fest in der Hand schlendre ich los. Die Weiten stellen sich als nah heraus, die Entfernungen als kurz. Ich lasse mich treiben mit denen, die mir begegnen. Viele sind auf den Beinen, viele zappeln mit eben diesen Beinen, einige schwingen sie, die werden immer mehr und einige schwanken sie gar, aber das bleiben die wenigsten.
Ich finde mich am Markt wieder, da ist was los! Ohne jemals in meinem Leben Schnodderrock gehört zu haben, weiß ich das er in mein Ohr dringt. Bei der Vergewisserung im Programmheft, beim Lesen des Wortes Schnodderrock also setzt sich sogleich ein Bild in meinem Kopf fest. Dickflüssige, grüngelbe Bahnen seilen sich ab zwischen Nasenlöchern und der Gegend, hinter der sich das Lippenbändchen verbirgt, läuft in Kindermünder oder verschwindet in Pulliärmeln, auf denen er Schneckenschleimspuren in farblosem Glitzer hinterlässt. Mir schaudert‘s, mich schüttelt‘s ohne mein Zutun bei diesem Bild, das haften bleibt. In Brandenburg und Berlin sagen wir Rotz, das fühlt sich für mich harmloser an. Aber hier nun stehe ich in letzter Reihe und lausche dem Geschnodder. Der Bergedorfer Jung singt davon, dass Verlieren keine Schande sei, er sich die Frauen schön trinkt, die mal wieder ihre Tage hätten [„Ganz Bergedorf hat seine Tage“]. Was in meinem Gehörgang bleibt: Fussball, Ficken, Alkohol, aber dem Publikum gefällt’s.
Hier wird gezappelt und gehüpft, die Zotteln werden geschwungen und mitgesungen wird auch, das mein Herz lacht. Meine Nachbarin, ebenfalls an die Häuserwände der geschlossenen Geschäfte gelehnt, unternimmt einen Solidarisierungsversuch und ich mache mit, bin überfordert bei dem Gelärm, der unser Gespräch nur zwischen den Songs ermöglicht, meine feministische Perspektive auf die Welt zu behaupten. Unser Gespräch besteht aus Lachen, Lächeln, Nicken und unverstandenen Wortfetzen. Ich finde es schön und bleibe länger als gefühlt gewollt. Irgendwann schaffe ich doch den Absprung und schiebe mich zum Schloss vor. Da wird ein breites Coverrepertoire geboten. Ich halte Abstand, den ich erst aufgebe als „Über den Wolken“ und „Sansibar“ kommen und mir alte Erinnerungen vom Dorfbums und Autofahrten nach Ungarn mit Stephan Remmler in Kassettendauerscheife – irgendwie auch schön!
Ich schaue noch ein Bisschen, freue mich außerordentlich über Seifenblasenpistolen und schleiche dann den Weg zurück, woher ich kam. In die ein Obstspieß- 1- Euro-Schlange reihe ich mich noch ein, kaufe eine Straßenzeitung, weil ich das in Berlin auch so mache und finde dann noch kleinere Episoden, die mich zum Verweilen einladen:
Einen Macker auf dem EXTASY-Fahrgeschäft, der nicht einen Moment auf seinem Hintern sitzen bleibt, die Arme in die Luft reißt und ein Victoryzeichen seiner rechten Hand wohl nicht mehr aufzulösen weiß;
hoffnungsvolle Gesichter mit flackernden Augen, in der Verzweiflung und Erwartung ein auserwähltes Kuscheltier, das wirklich jedes Mal in der Klemme steckt, aber auch gleich wieder herausfällt, zu ergattern;
Münzautomaten SpielerInnen, die auf den großen Coup hoffen, die sich später fragen, für was sie das eigentlich machen und am Ende eine kleine weiße Maus wie einen Schatz in ihren Händen davontragen.
Ich bin froh, mich auf nichts eingelassen zu haben und ziehe Bilanz: Ein zweieinhalb-Stunden-Abend mit fünf Euro Ausgaben und vielen Bildern und Gesichtern im Kopf. Das hat sich doch wahrlich gelohnt.

Er(n)ster Morgen

linkes Auge wirft einen Blick auf die Handyuhr,
Hirn denkt: die NachbarInnen von drunter sind FrühaufsteherInnen.
Quatschen in den Morgen als gäbe es keine Nächte.
linkes Auge sieht: kurz nach neun.
Hirn denkt: Nö, jetzt ist noch nicht mein Morgen.
Herz lacht: Liegenbleiben ist möglich.
Ein Körper in Gänze bringt sich wieder in Liegeposition
und schläft weiter.

rechtes Auge zuckt ungeduldig, aufgerufen vom Hirn,
die Uhrzeit zu überprüfen, aber nur so –
Hirn bleibt den Grund schuldig,
rechtes Auge sieht: kurz nach zehn.
Kopf im Ganzen überlegt, Herz spürt nach,
beide gemeinsam entscheiden, wir bleiben noch
und so bleiben sie im Bett.

rechtes und linkes Auge öffnen sich gleichzeitig,
blinkern und zwinkern den Traumsand davon.
Hirn horcht nach, hört nichts
und auch sonst bleibt die Wahrnehmung versandt,
wie zugerieselt und verwogt.
Finger greifen nach zeitlicher Orientierung,
sehen zwei Einsen.
Körper schafft den Aufsprung,
hievt sich aus dem Bett und denkt:
Stift und Zettel
Formulierungen und das Gestern.
Ja, Gestern, gestern Erlebtes grüßt sich in die Präsenz.

Finger greifen Stift und Papier, formulieren Abläufe,
kritzeln Ideen,
ein Sammelbecken in der sommerlichen Vollheit
eines Schwimmbades,
bricht sich einen Zacken ins Hirn
und bleibt!
Wartend auf den Tag, der ungewohnt leer vor ihr liegt.

Verlängerter Stiftfinger schreibt:
Entdecken und Schreiben
und Nudeln und Tatort,
den Rest werden wir sehen!